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Museum Odenkirchen

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Ein ungehobener Schatz

In der Roten Schule, im Archiv der evangelischen Kirchengemeinde, liegt ein Schatz zur Stadtgeschichte, der bislang noch nicht gehoben wurde. Zwar hat es hier und da, etwa zur Pest im Dreißigjährigen Krieg oder zu den früh verstorbenen Steinhauern, punktuelle Auswertungen gegeben, aber das ist auch schon alles. Dabei steht im genannten Archiv ein ganzer Aktenschrank mit unterschiedlichen Kirchenbüchern, beginnend mit den ersten aus dem frühen 17. Jahrhundert. Teilweise sind dort alle kirchlichen Einträge vorhanden, also zu den Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Beerdigungen; teilweise beziehen sie sich nur auf eine Eintragungsart (wie die Sterbebücher); teilweise umfassen sie alle Orte des Kirchspiels Obernkirchen, teilweise nur einzelne Orte (etwa nur die Stadt Obernkirchen oder nur die schaumburg-lippischen Gemeinden). Bunter geht es kaum noch.

Schlägt man das erste Mal ein Kirchenbuch auf, so ist man gerade bei den frühen, vermutlich überfordert. Nicht nur die für viele ungewohnte Kurrent (=Hand) Schrift (die oft fälschlicherweise als Sütterlin-Schrift bezeichnet wird), sondern auch die oft unbekannten Bezeichnungen und die zuweilen sehr unvollständigen Angaben machen es nicht leicht, mit diesen Texten klar zu kommen.

Im 18. Jahrhundert werden die Einträge schon leichter lesbarer und vollständiger, im 19. Jahrhundert sind die Angaben noch systematischer. Am Beispiel des Totenbuchs der Jahre 1832 bis 1869 möchte ich zeigen, was man alles in diesen Büchern finden kann.

Die Einträge sind in Rubriken, bzw. Spalten aufgeteilt. Nach einer laufenden Nummer erscheint die „Wohnung“, dann „Namen, Stand und Herkunft des Verstorbenen“, „Ort und Zeit seiner Geburt“, „Tag und Stunde des Begräbnisses“, „Nachträgliche Bemerkungen“, d.h. Todesursache, Behandlung durch einen Arzt, Alter.Gleich der erste Eintrag betrifft die „Johanna Philippine Schwarz, eheliche Tochter des weiland Jürgen Heinrich Wilhelm Schwarz, Steinhauermeister allhier, und dessen weiland Gattin, Eleonore Sophie, geb. Schöneberg, von Neuendorf bei Halle gebürtig, starb unverheirathet.“

Schon dieser Eintrag wirft Fragen auf, etwa, woher die Mutter kam, ein Neuendorf bei Halle (welches?) konnte ich bei einer ersten Suche nicht finden, oder wie sie den Vater der Toten kennen gelernt hatte? Wichtig war den Schreibern offenbar, ob die betreffenden Personen ehelich zur Welt gekommen waren. Als Wohnung wird übrigens lediglich „Obernkirchen, Einliegerin“ angegeben, d.h. sie wohnte zur Miete, aber doch in einer bestimmten Straße in einem bestimmten Haus! Hat man bei allen „Einliegern“ darauf verzichtet?

Die Eltern waren jedenfalls bei ihrem Tod nicht mehr am Leben („weiland“), was angesichts des Geburtsjahres auch nicht verwundert, war doch unsere Tote am 30. März 1754 in Obernkirchen geboren und am 30. Dezember 1832 morgens 7 Uhr hier gestorben. Die Beerdigung fand am 2. Januar statt, morgens um 8 Uhr. Damit war sie 78 Jahre und 9 Monate alt geworden – ein sicherlich hohes Alter. Als Todesursache wird „Darmentzündung“ angegeben, behandelt war sie von Dr. Brokmann – sie konnte sich also einen Arzt leisten.

Ich blättere ein paar Seiten weiter und stoße unter der Nummer 20 auf den Carl August Schönfeld, „Sohn der Lisette Schönfeld, aus Nienburg gebürtig und Einliegerin daselbst, die Mutter des Kindes zog mit dem Hausierer Heinrich Schulz aus Nienburg, umher und besuchte mit ihm die Märkte.“ 

Hier haben wir also „fahrendes Volk“ vor uns. Als Todesort wird für den Carl August „Obernkirchen, Strull, bey Wolter in der Schneiderherberge Nr. 70“ angegeben. Ein Detail fällt bei der Mutter gleich auf: Sie hat keinen bürgerlichen Vornamen (der aus mehreren Vornamen bestand), sondern nur einen und dann auch einen eher unüblichen wie Lisette.

Der Tote jedenfalls war in Nienburg am 14. September 1831 geboren worden und am 24. März 1833 nachmittags vier Uhr gestorben, die Beerdigung fand auch hier drei Tage später, am 27. März morgens um 7 Uhr statt. Der 1 Jahr, 7 Monate und 10 Tage alt gewordene Knabe starb an „Krämpfen“, ein Arzt war nicht hinzugezogen worden.

So könnte man noch Stunden weitermachen und viele Details, wie etwa hier die Schneiderherberge entdecken oder manch einen überraschenden Lebenslauf. Man könnte aber auch die fast 1700 Einträge aus den knapp 40 Jahren zwischen 1833 bis 1869 systematisch auszählen. Es gäbe genug Fragen: 
Wie alt wurden die Menschen damals? Gab es so etwas wie einen Mittelwert? Gab es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Angehörigen verschiedener Berufe, Angehörigen der Unter- oder Mittelschicht? Gab es Jahre mit besonders vielen Toten, etwa 1830/31 als in Deutschland Cholera und Hunger wüteten? Woran starben sie überhaupt? Wie viele konnten sich einen Arzt leisten? Wir könnten aber auch nach den Vornamen fragen oder nach der Herkunft: Wie viele stammten nicht aus Obernkirchen? 

Alle diese Fragen müssen mühselig erarbeitet werden, durch Entziffern und Verstehen der Einträge, durch systematisches Eingeben in lange Listen. Aber die Ergebnisse würden uns viel mehr vom Alltagsleben der Obernkirchener erzählen als dies Akten vermögen. Der Aufwand würde sich lohnen. Mit Studierenden will ich mich im Wintersemester 2015/16 auch an diese Arbeit setzen, es ist aber jeder eingeladen, sich an dieser Arbeit zu beteiligen!  

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